Ich fand sie zwischen Finka und O-Ha. Sie stand an der Telefonzelle - oder dem, was eine Telefonzelle gewesen wäre, wenn nicht die Hälfte wegrationalisiert geworden wäre. So stand sie unter einem kleinen Dach, dass zwar gerade die Technik vor Regen schützte, aber keinen Schutz vor Kälte und Lärm bot. Ihr eigenes Telefon lag zerbrochen auf der Straße, wahrscheinlich aus Wut zerschellt, nachdem Akku oder Guthaben versagt hatte. Möglicherweise war es aber auch ein Opfer des Regens, ich hätte auch lieber die Tiefseetauch-wasserdicht-Hülle für meinen Player dabei gehabt. Sie wirkte verloren. Ich hätte nie gedacht, dass ein Kind heutzutage noch so verirrt aussehen konnte, aber als Mädchen, das es gewohnt war, überall erreichbar zu sein und von überall erreichen zu können, musste ihr die Welt nun wie ein völlig fremder und feindlicher Ort vorkommen. Dass dann auch noch das öffentliche Telefon ohne Münzen oder Karte den Dienst verweigert, machte ihre Umgebung kein Bisschen freundlicher.
Sie hat nicht um Hilfe gerufen. Sie hat nicht um Hilfe gefragt. Sie hat mich noch nicht einmal angesehen - nicht direkt - aber ihr gesamtes Erscheinungsbild schien ausdrücken zu wollen, dass sie ein klein wenig Unterstützung keineswegs ausschlagen würde.
Ich fühlte mich alt, als ich die Telefonkarte herauskramte und ihr anbot. Ich fühlte mit ihr, als sie im Telefongespräch zu weinen anfing. Und ich weiß nicht, was ich fühlte, als ich der Mutter anbot, sie erstmal mitzunehmen. „Es ist öffentlich, es ist trocken, es ist einfacher zu finden, wir können ihr einen heißen Kakao anbieten und sie kann schonmal mit den Hausaufgaben anfangen.“ Ich müsste nur aufpassen, dass wir ihr in Mathe nicht zu sehr helfen. Ich war überrascht, als die Mutter zustimmte. So nahm ich sie mit. Ab da lohnte es sich auch, den Regenschirm auszupacken.
Sie wurde im Zentrum gut aufgenommen. Irgendwie hatte auch niemand etwas dagegen, ihr zuliebe in LinA eine kurze Pause zu machen. Auch fand sich jemand, der den Strich für die heiße Schokolade übernahm. Als die Mutter etwas später die Zeit fand, um sie abzuholen, verließen sie beide das Gebäude mit einem deutlich veränderten Bild.